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Festliche Flammen – fragendes Ringen: Mit der Uraufführung „Pfingstfeuer“ nahm das Bachfest in Münster Fahrt auf

von Harald Surland. Westfälische Nachrichten vom 20. Mai 2024.

Münster. Es ist ein mächtiges Bild, von dem die Apostelgeschichte berichtet: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“ Der Dichter und Theologe Christian Lehnert hat diesem Feuersymbol des Pfingstereignisses nachgespürt, um den Text für Stefan Heuckes „Kantate vom Feuer“ zu schaffen – ein Auftragswerk für das Bachfest in Münster. Aber so ganz ohne Bach fand die Uraufführung und damit die Eröffnung des Fests im St.-Paulus-Dom natürlich nicht statt: Hatten dessen Kuratoren doch vorab Sätze aus dessen Pfingstkantaten und seinem Osteroratorium zusammengestellt, auf die sich das neue Werk beziehen sollte, frei nach dem Motto des Fests: „Bach inspiriert“. Das Ganze trug nun den Titel „Pfingstfeuer“.

Der in Bochum lebende Stefan Heucke hielt aber klug Distanz zum übergroßen In- spirator und ließ sich nicht zu irgendwelchen Bach-Paraphrasen verlocken. Was gewiss auch den vertonten Texten geschuldet war. In ihnen nämlich glühen Fragen und brennen Zweifel, ob das wundersame Pfingstereignis so prachtvoll und friedensstiftend fortwirkt, wie es die Apostelgeschichte beschreibt: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden.“

So entwirft Heucke, nachdem im Eröffnungssatz die drei Klanggruppen Sprecher, Solisten und Chor zum starken Schlagwerk im Orchester das himmlische Zeichen beschworen, geheimnisvoll fragende Klänge im zweiten Satz: „Wie sie wiederfinden – diese Feuer?“ Der Bass-Solist spürt der Quelle des Lichtscheins nach, den er in sich trägt, was die Orchesterklänge mit Musik von schweifender Tonalität symbolisieren. Und im Zen- trum der Kantate stehen Verse der Mystikerin Mechthild von Magdeburg, die das Bild des Feuers in verschiedenen Facetten umkreisen, vom ewigen Licht über das „Brennen in der Liebe“ bis zu den zerstobenen Funken als Todessymbol. Heuckes Klänge in diesen Solosätzen lassen Assoziationen an andere musikalische Inspirationsquellen wie Wagner und Brahms, in melodramatischen Abschnitten auch Schönberg zu, wirken aber höchst eigenständig, steigern sich zu gleißenden Glissandi im Hölderlin-Chorsatz oder schwärmerischen Tönen im Duett „Des Feuers Anmut“.

Auf diese Weise positioniert sich Heuckes Kantate durchaus in kritischer Reflexion zu Bachs Kantatensätzen, die zwischendurch musiziert werden. „Pfingstfeuer. Ein Pastiche“ ist die komplette Aufführung betitelt, wobei die Auswahl der Bachsätze schon zu konstruktivem Widerspruch auffordert: Sehr stark haben die Kuratoren auf pompöse Feierlichkeit gesetzt, auf Pauken und Trompeten zum Fest, das die Kirche begründete. Zwei Choräle, ein Instrumentalstück und die wunderbare Alt-Arie „Wohl euch, ihr auserwählten Seelen“ stehen für die andere, reflektierende Sphäre bei Bach.

Musiziert wird das alles unter der Leitung des münstterschen Generalmusikdirektors Golo Berg fabelhaft, zumal sich zum Sinfonieorchester der Stadt Münster und dem Philharmonischen Chor (unter Martin Henning) die hochkarätigen Gäste Gerhild Romberger (Alt), Thomas Laske (Bass) und Gerhard Mohr (Sprecher) gesellen. Die akustischen Verhältnisse des Doms leisten natürlich der pompösen Pracht Vorschub – von Heuckes filigraner Orchestersprache hätte man gern mehr Details gehört. Den letzten Bach-Chor über „Preis und Dank“ umrahmen die am stärksten von Zweifel und dem Ringen um Glauben geprägten Sätze der Heucke-Kantate. „Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss“, heißt es da, und die Musik lässt leise die Klänge der Hoffnung ertönen. Das Publikum im vollbesetzten Dom reagierte bewegt und begeistert. Großer Applaus für den anwesenden Komponisten und eine gelungene Eröffnung des Bachfestes in Münster, das über die Pfingsttage mächtig Fahrt aufgenommen hat. 

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Mit dem Oratorium „Pfingstfeuer“ eröffneten der Philharmonische Chor sowie das Sinfonieorchester Münster am Freitagabend im Paulus- Dom in Münster das 98. Bachfest. 
Foto: Jürgen Christ

www.bachfest-muenster.de

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