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DIE SCHÖPFUNG von Joseph Haydn als Eröffnungskonzert

Paulus.Dom/Festival Musica Sacra

von Sigi Brockmann, OnlineMerker, Freitag, 04.06.2022

Münster – Auf jeder Note des Oratoriums für Soli, Chor und Orchester „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn auf den Text des Baron von Swieten nach Teilen des Versepos „Paradise lost“ (verlorenes Paradies) von John Milton lagere  bei einer heutigen Aufführung Ironie, meinte schon vor mehr als zwanzig Jahren der 2018 verstorbene Dirigent Enoch zu Guttenberg anläßlich einer Aufführung in Baden-Baden. Dargestellt werde die Schöpfung der Welt vor dem Sündenfall, aber den eigentlichen Sündenfall an der Natur hätten doch Menschen heutiger Generationen  mit Zerstörung von Umwelt und Artenvielfalt begangen.

Trotzdem sollte das Oratorium immer wieder aufgeführt werden, vielleicht als eine Art Rückbesinnung oder Utopie von göttlicher Weltordnung und Naturidylle, vor allem aber aus Freude an Haydn´s „schönster, herzlichster und redlichster Musik“ (auch zu Guttenberg).

Dies wurde jetzt wieder bewiesen durch eine gelungene Aufführung im Dom zu Münster zur Eröffnung des „Festivals Musica Sacra“, Dabei wird alle zwei Jahre geistliche Musik im weitesten Sinne in verschiedenen Kirchen Münsters – davon gibt es genug -, aber auch im Theater, aufgeführt.  In diesem Jahr geht das u.a. bis  zu einer „Schöpfung“ für Kinder oder jüdischen Gesängen und christlicher und synagogaler Orgelmusik.

Mitwirkende beim Eröffnungskonzert waren drei Mitglieder des Opernensembles, zwei Chöre, deren Sängerinnen und Sänger sich dafür nebenberuflich engagieren, nämlich der Konzertchor Münster (früher Musikvereinschor) in der Einstudierung von Marion Wood und der Philharmonische Chor Münster einstudiert vom langjährigen Leiter Martin Henning, insgesamt weit über 100  Sängerinnen und Sänger. Den so genialen Orchesterpart übernahm das Sinfonieorchester Münster, alles unter der musikalischen Gesamtleitung von GMD Golo Berg.

MusicaSacra 2022
Schlussapplaus Eröffnungskonzert MusicaSacra 2022, Münster | Foto: C. Schulte im Walde

Das Orchester beeindruckte gleich zu Beginn bei der Darstellung des einleitenden „Chaos“ Die  abrupten Wechsel zwischen starken Akkorden und einem leise emporsteigenden Motiv beeindruckten ebenso wie die Steigerung zum ff-Höhepunkt und der Zurücknahme der Lautstärke bis zum pp – ein gelungener Anfang.

Ebenso gelungen ließ zusammen mit dem Chor  das machtvolle „Es ward Licht“ den Dom erbeben, wie später auch die Darstellung des Sonnenaufgangs. Das Orchester glänzte ebenso bei der  lautmalerischen Darstellung der Episoden der einzelnen Schöpfungstage, die vom Orchester ja jeweils vorweggenommen werden, bevor die Gesangssolisten sie besingen, solistisch etwa die Klarinette für die Lerche, Fagotte und Violinen für das Gurren der Taube oder natürlich die Flöte für die Nachtigall. Sehr passend schwingendes nicht übereiltes Tempo wählte der Dirigent etwa für die Begleitung des Terzetts der Solisten mit der idyllischen  Darstellung des „frischen Grün“

Von den drei Solostimmen hat  der Sänger des „Raphael“ die umfangreichsten Aufgaben. Hier glänzte Gregor Dalal mit flexibler Stimme und sehr textverständlich von den zurückhaltenden ersten Worten „Im Anfang“ bis zum  mit mächtigem Baß gesungenen Beschreibung der „schäumenden Wellen“ und zeigte in seiner „zoologischen Arie“ etwa das Brüllen des Löwen – vorweg genommen vom Kontrafagott –  und traf auch ohne Schwierigkeiten  die ganz  tiefen Töne beim „am Boden kriechenden Gewürm“.

Als weiblicher Erzengel Gabriel glänzte Marielle Murphy  vor allem bei Nachahmung der Vogelstimmen – sie konnte sehr gelungen etwa die Lerche singen, das Taubenpaar trillernd girren und die Nachtigall koloraturenreich und treffsicher bis zu höchsten Höhen ihren „reizenden Gesang“ ertönen lassen.

Ausdrucksvoll gestaltete Youn-Seong Shim in der Tenorpartie des Uriel  etwa den Gegensatz zwischen dem Besingen der „strahlenden Sonne“ und – vorbereitet durch die Celli – den leisen Schimmer des Monds – ebenso später den Gegensatz zwischen dem „schönen starken“ Adam und der „holden anmutsvollen“ Eva.

Auch Adam und Eva waren Gregor Dalal und Marielle Murphy  und besangen unter anderem im langen Duett im dritten Teil wie in einer Opernszene das Ehe-Idyll von anno-dazumal.

Die Krönung der Aufführung waren die Chorszenen, für die der Dirigent teilweise recht zügige Tempi wählte. Obwohl die Akustik des romanischen Doms mit dem langen Nachhall ungünstig für mehrstimmigen Chorgesang ist,  waren doch vielfach die einzelnen Chorstimmen, etwa beim populären „Die Himmel erzählen“ gut durchzuhören. Dagegen waren einstimmige Passagen wie das Crescendo bei „ewig bleibt sein Ruhm“  oder das p des gesamten Chors zur Begleitung von Adam´s und Eva´s „Von deiner Güt´ o Herr“ stimmliche Höhepunkte.

Zur Doppelfuge des Schlußchors übernahmen die drei Solostimmen auch die zwischen den Chorteilen eingefügten Solo-Koloraturen – das alles in zügigem Tempo. Nach der grossen Steigerung auf „Ewigkeit“ vor dem letzten Amen  zeigte das Publikum im vollbesetzten Dom  seine Begeisterung durch grossen Beifall und Bravos als Zeichen der Dankbarkeit für eine ergreifende Aufführung.

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